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Whiskey, Dudelsäcke und Kilts

Im Sommer 2014 schickte uns die Losfee für die zweite Qualifikationsrunde der Europa League in das Land von Braveheart. Ab nach Schottland also, wo Luzern auf den Cupsieger St. Johnstone FC aus Perth traf.

Der FCL kam im Hinspiel gegen die biederen und teils übergewichtigen Trunkenbolde bloss zu einem 1:1 und musste dabei sogar einem Rückstand hinterherrennen. Da für das Rückspiel möglichst viele Luzerner auf die Insel mitreisen sollten, wurde von der USL kurzerhand ein eigener Flieger gechartert – ein Novum in Luzern. Dutzende andere individuell angereiste Luzerner liessen sich bereits am Mittwoch in Perth nieder und stürzten sich ins lokale Nachtleben. Eine Gruppe FCL-Anhänger reiste gar in Alex Zülle Manier von Newcastle aus mit dem Fahrrad an. Props an dieser Stelle für den Velomob.

Die Saints erwiesen sich zunächst als ausgezeichnete Gastgeber. Nach Ankunft des Extraflugs wurden die verschiedenen Pubs von Perth eingenommen, wo man sich auch an das schottische Lebenswasser heranwagte. Schottland und Whisky, das gehört irgendwie zusammen. Einzelne Freunde der grünen Medizin versuchten sich auch an synthetischem, legal am Kiosk erwerbbaren «Kraut». Bleiche Gesichter und unschöne Nebenwirkungen waren das Ergebnis. Im späteren Nachmittag begab man sich geschlossen auf den rund einstündigen Fussmarsch Richtung McDiarmid Park, wo der Gegner seit 1989 seine Heimspiele abhält. Ein typisch schottischer Ground mit vier alleinstehenden Tribünen. An den Kontrollen vorbei, rein ins Stadion, Zaunfahnen hissen, pöbelnde Schotten kennenlernen, obligate Dudelsackklänge zum Aufwärmen - dann ging es endlich los.

Eingeleitet wurde das Spiel mit einer simplen, aber schicken Choreografie unter dem Motto "Loyal kämpfe – zäme gwönne!". Der Beginn des Spiels verlief ausgeglichen mit leichten Vorteilen für Luzern. Praktisch aus dem Nichts ging St. Johnstone durch einen Elfmeter 1:0 in Führung. Torschütze vom Elfmeterpunkt: Publikumsliebling Steve May. Die damalige Nachwuchshoffnung der Saints war nach dem Hinspiel noch bis in die späten Morgenstunden vor dem Roadhouse mit 2 Flaschen Bier in der Hand gesichtet worden. Lautstark stimmten die Schotten nun das Stevie May Ohrwurmlied an, zu dessen Melodie ein paar Jahre später auch der Pasci Schürpf Song entstehen sollte. Zurück zur Partie. Mit Alain Wiss, Marco Schneuwly und Co. sassen diverse Stammspieler auf der Ersatzbank. Laut offizieller Seite wurden diese für das am Wochenende anstehende Auswärtsspiel beim FC Basel geschont. Kopfschütteln. Da verkündet man seitens des Vereins gross das Ziel Europacup-Rang, um dann im dritten Pflichtspiel der Saison bereits Spieler zu schonen. Nach einer Stunde wurde dann endlich Marco Schneuwly eingewechselt, welcher sogleich den Ausgleich besorgte. Vereinzelte Luzerner hüpften über die Werbebande auf Feld und feierten das erste europäische Auswärtstor seit 17 Jahren. Definitiv ein Torjubel in meiner persönlichen Top 3.

Zu mehr als dem 1:1 reichte es dem FCL in der regulären Spielzeit nicht mehr. Die Verpflegung im Gästeblock war zu diesem Zeitpunkt bereits inexistent. Das Catering befand sich in einem dunklen Keller, einzig eine chlorhaltige Pfütze für 1 Pfund gab es noch zu kaufen. Luzern erzielte auch in der Verlängerung kein Tor, die Partie ging also ins Elfmeterschiessen. Ein Luzerner nach dem andern traf, bis auf die tragische Figur des Abends, Marco Schneuwly. Big Points zu machen liegt unserem Verein wohl nicht so. Während dem die schottischen Anhänger nun komplett in Jubelorgien verfielen, herrschte auf unserer Seite eine grosse Leere und Enttäuschung. Enttäuschung vor allem auch gegenüber den sportlichen Verantwortlichen, bei welchen dieses europäische Spiel, im Gegensatz zu den mitgereisten Fans, anscheinend keine grössere Priorität genoss. Einmal mehr also mussten sich der FCL und seine Fans mit leeren Händen auf die Rückreise machen.

P.S.: Nicht für alle Luzerner war hier europäische Endstation. Die blau-weissen Fahnen, welche in der Choreo zum Einsatz kamen, wurden wohl von einigen preisbewussten schottischen Supportern eingesammelt und recycelt. So wurden diese in der nächsten europäischen Runde gegen Trnava im Heimblock geschwungen.

Verfasst von: Kemal

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