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Schoddfoo away away

Als die Anfrage eintrudelte, ein Türchen des Adventsbocks zu füllen, sagte ich spontan zu. Ohne zu wissen, worüber ich genau schreiben sollte. Automatisch begann ich, im mittlerweile überfüllten und unübersichtlichen Archiv meines Gedächtnisses nach Auswärtsfahrten zu suchen, die herausstechen. Ziemlich schnell stiess ich auf das Gastspiel des FCL gegen den FC La Chaux-de-Fonds (fortan der Einfachheit halber „Schoddfoo“) in Neuenburg im verschneiten Dezember 2008. Und das, obwohl ich davon nicht behaupten kann, dass das die unvergesslichste aller Auswärtsfahrten meiner blauweissen Fan-Laufbahn war. Das meine ich wörtlich, denn dass sie inzwischen in meinem malträtierten Oberstübchen tatsächlich einige Lücken aufweist, musste ich im Laufe der Rekonstruktion schmerzlich feststellen. Schuld daran kann aber keineswegs der Alkohol sein, der damals im Spiel war. Ausgeschlossen. (Danke an dieser Stelle an LU-57 von der „Groppe Nordschtärn“ für den Zugang zu Luzerns grösster und schmutzigster Fiche. Bei Bedarf kann diese übrigens sehr viel Dreck an die Oberfläche spülen. Ja, nicht nur Börni kann das. (Neugierig geworden? Jetzt den neuen Yearbock bestellen!) Kein Dank geht hingegen an Nordschtärn-Incubator, der mir besagte Auswärtsfahrt für den Adventsbock streitig machen wollte. Hier die Kurzfassung seiner wilden Story: Er fährt alleine im Zug von Basel nach Neuenburg und liest „Fever Pitch“ von Nick Hornby. Das ist (fussball-)romantisch, okay. Aber das war’s dann auch schon.) Aus einigen Erinnerungsfetzen, Fotos und Notizen liess sich schlussendlich doch der ungefähre Ablauf dieses Abends zusammenschustern. Alles – bis aufs Matchresultat und durch Fotos belegte Gegebenheiten – ist jedoch ohne Gewähr zu geniessen.

Nun gut, schauen wir zurück auf den Herbst 2008. Direkt nach der Achtelfinal-Auslosung zeigte sich der damalige Sportchef Bruno Galliker besonders besorgt über die eklatante Höhendifferenz der beiden Städte (siehe Foto). Mindestens zwei Wochen Höhentraining wären demnach als adäquate Matchvorbereitung das Mindeste gewesen. Fairplay, die Höhenlage sollte tatsächlich schon bald eine entscheidende Rolle in dieser Affiche spielen. Warum Galliker sich jedoch von Hobbytschütteler wie denjenigen vom FC St. Gallen derart fürchtete, wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben.

Nun gut, Galliker sollte im Stile eines Wetterschmöckers Recht behalten. Etliche Thomas Buchelis im FCL-Forum taten es ihm gleich und prophezeiten eine Spielverschiebung, nachdem in Schoddfoo beträchtliche Mengen an Neuschnee dem Naturrasen auf der Charrière gehörig zugesetzt hatten. So wurde das Spiel erwartungsgemäss verschoben, überraschenderweise aber (wettertechnisch in weiser Voraussicht) auch nach Neuenburg verlegt, nachdem zuerst ein Heimrechtabtausch vorgesehen war.

Dort ist bekanntlich Kunstrasen verlegt, der Drei-Wetter-Taft-mässig jeder Witterung trotzt. Ich selber, und vor allem der junge Groundhopper in mir, fand das recht beschissen. Schliesslich war ich, aus heutiger Sicht ist das noch viel bedauerlicher, in den NLB-Zeiten zwischen 2003 und 2006 noch kein Auswärtsfahrer. Ausserdem spielten wir gerade erst gegen Xamax in der Meisterschaft auf der Maladière. Schoddfoo hingegen ist eine regelrechte Perle in der Schweizer Stadionlandschaft (http://www.stades.ch/Charriere-photos.html), bei der einem als Fussballliebhaber einfach das Herz aufgehen muss. Die bisherige Cup-Kampagne liess sich bezüglich Stadionästhetik ohnehin sehen: Zuerst Plaffeien (bezogen auf den Ground nota bene), dann Grenchen und nun – theoretisch – die Ostblockcharme versprühende Arbeiterstadt Schoddfoo (https://www.swr.de/schaetze-der-welt/welterbe-schweiz-unesco-fonds-schweiz/-/id=5355190/did=7180618/nid=5355190/1noalpq/index.html). Aber was soll’s, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Es ging schliesslich nicht ums Groundsammeln, sondern um den Einzug in den Viertelfinal. Entsprechend gross war die Vorfreude im FCL-Forum. Zudem: Mittwoch ist eh zehnmal geiler als Sonntag.

Anfangs Dezember stand also die Reise nach Neuenburg bevor. Der FCL hatte abends um halb acht im Cup-Achtelfinal Schoddfoo auszuschalten. Ende der Nullerjahre war der Extrazug als Transportmittel an Auswärtsspiele noch keine Selbstverständlichkeit. Schon gar nicht an einem Mittwochabendspiel wie diesem, bei dem man wohl nachmittags um vier auf dem Perron hätte stehen müssen. Cars und individuelle Anreisen per Privatwagen oder Büssli wurden öfters als Transportmittel der Wahl auserkoren. Ein solches 15er-Büssli sollte uns an diesem bitterkalten Mittwoch nach Neuenburg bringen. Die Besatzung und der Chauffeur waren zu diesen Zeiten ein eingespieltes Team, wurde doch besagtes Gefährt mit Vollbesetzung praktisch jedes zweite Wochenende (oder auch mal unter der Woche) für eine HCL-Auswärtsfahrt durch engste, verschneite Schluchten in die letzten Käffer der Tessiner Eishockeywelt wie Sonogno oder Prato-Sornico manövriert. Zielsicher steuerte der zeitweise ignorante („Pyrofreak, e 200 Meter chond e Bletzer. – Pyro, grad do voore, e Bletzer! Bräms ab! – Pyyyrooo, of d Chlötz, tami!!!“ *Blitz*), aber hochzuverlässige Büsslifahrer zu jeder Destination des Landes, wo ein Ball oder Puck mit Luzerner Beteiligung herumgeschoben wurde.

Leider führte die Route nach Neuenburg nicht an meinem damaligen Wohnort vorbei, weshalb ich wohl die unsäglich mühsame, viertelstündige Reise per S-Bahn nach Luzern antreten musste, um im Inseli ins Büssli einzusteigen. Da waren mir Dienstagsfahrten nach Scuol oder Adilettenausflüge nach Vaduz doch viel lieber, konnte ich doch standesgemäss bis 15 Uhr ausschlafen und mich eine halbe Stunde später am eigenen Bahnhof abholen lassen. Vielleicht hatte ich auch einfach den Jesus-Bonus verspielt, nachdem ich mir Bart und Haare auf ein langweiliges Niveau hatte stutzen lassen. Egal, ich hab’s überlebt.

Musikalisch gab’s in unserem Büssli jeweils wenig Spielraum. Meist standen etwa zwei, drei selbst gebrannte CDs mit halbschäbigem Techno zur Verfügung, die dann während der Hin- und Rückfahrt rauf- und runterliefen. Ab und zu konnte ich als Co-Pilot ein bisschen Ska-Punk ins Spiel bringen, wobei ich mit dem Technobüssli eigentlich ganz zufrieden war. Scooter passte irgendwie am besten zu Haargel-Igelfrisur (nicht ich!), Trainerhosen und Dosenbier. Zumindest in meinem damaligen Musikkosmos.

Unter „Hyper, hyyppeer“-Gegröle rollten wir also gen Westschweiz. Auf einem der zahlreichen Raststätten-Pissstopps erstanden wir gratis und franko einen bildhübschen „M & M“ (wie heisst dieses Ding in Singular?) im Kartongewand. Er war fortan unser treuer Begleiter und schaffte es gar bis ins Stadion. Neben ihm fanden ganze 450 Zuschauer den Weg auf die Maladière. Davon dürfte sich rund die Hälfte im Gästeblock getummelt haben. Unter einem gemütlichen Cup-Fest hatten sich die Schoddfonnies bestimmt etwas anderes vorgestellt.

Vom Stadionbesuch weiss ich, gelinde gesagt, nichts mehr. Ist auch schon lange her. Aber es hat ordentlich geschneit, von Anpfiff bis Abpfiff. Das Terrain war bereits in den Anfangsminuten eher weiss als grün. Und das änderte sich auch nicht mehr. (Wer’s besser weiss, soll’s für sich behalten.) Was ich aber sicher noch weiss, ist, dass wir gewonnen haben. Knapp oder spannend war’s nie. Das bestätigt der Blick aufs Matchtelegramm: Michel Renggli und João Paiva sorgten just vor der Pause für einen beruhigenden 2:0-Vorsprung. Bei diesem Blick fällt auf, dass damals eine regional verwurzelte Mannschaft auf dem Platz stand. Mit Zibung, Lustenberger und Renggli sind heute, zwölf Jahre später, drei der Akteure immer noch beim FCL aktiv. Der Buochser Christophe Lambert verabschiedete sich schon bald zurück in den Amateurfussball und Nachwuchshoffnung Alain Wiss ging bekanntlich eher seltsame Wege nach seinem Abgang. Gegenüber stand bei Schoddfoo an jenem Abend ein gewisser Kevin Fickentscher im Tor, der zuvor bei Werder Bremen den Sprung zu den Profis verpasst hatte.

Paiva und Gajic sicherten dem FCL nach dem Seitenwechsel den diskussionslosen 4:0-Erfolg und damit den Einzug in den Viertelfinal. Für Ultrà „M & M“ und uns begann damit die Rückreise aus dem verschneiten Neuenburg Richtung Innerschweiz. Unser loyaler Büsslichauffeur wählte dabei eine waghalsige Variante, um ein paar Schlafminuten im heimischen Bett für die StudentenBüezer der Besatzung herauszuschinden: Bei der erstbesten Autobahnsichtung bretterte er durch die Einbahnstrasse Richtung Highway. Jedi Minute zöut! Hingabe pur. Einfach nur bewundernswert. Doch damit nicht genug: Die nächste Entleerungspause wurde genutzt, um die Weiterfahrt spürbar annehmlicher zu gestalten. Im Raststättenramschladen wurde einerseits ein unabdingbarer Plastik-Arschlochfinger und andererseits eine höchst nützliche Spielzeugsirene erstanden. Den Finger montierte der Chauffeur gut sichtbar hinter der Windschutzscheibe und die Sirene äusserst fachmännisch auf dem Dach. So bahnte sich das Technobüssli seinen unaufhaltsamen Weg zurück in die Leuchtenstadt. Dabei wirkte die (überaus authentische, ohne Weiteres mit derjenigen von Notfallfahrzeugen verwechselbare) Sirene Wunder: Ganz brav bildeten die restlichen Verkehrsteilnehmer eine Rettungsgasse für die vollgelaufenen, asozialen Büezer-Proleten aus Luzern.

Der Alkohol zollte mittlerweile seinen Tribut, und so wurde aus dem Technobüssli ein Schläferbüssli, wie sich anhand meiner Fotos zweifelsfrei rückschliessen lässt. Ich selber war offenbar noch hellwach und dokumentierte die ganze Chose akribisch. Hat halt auch Vorteile, wenn man sich vorerst (zumindest vordergründig) den Wissenschaften hingibt und dem Proletariat erst mit 30 zuwendet. Da bleibt zuvor noch genügend Zeit für wichtige Dinge wie Ausschlafen, Auswärtsfahren und Alkoholkonsum in anständigem Ausmass. Das letzte Foto datiert vom Folgetag um 0.39 Uhr und zeigt einen schlafenden, prominenten Exponenten der Fanszene. (Eben dieser proklamierte gerne mal den Säuferthron exklusiv für sich, auch heute noch. Gegen schmales Entgelt wird das entsprechende und massiv belastende Gegenbeweisfoto per PN ausgehändigt.)

Scheinbar fanden alle den Weg in die Federn, genau wie ich auch. Ein paar Stunden später holte mich der asynchrone Schlafrhythmus, nun ja, ein wenig ein. Kurz nach halb acht erwischte ich zwar häbchläb die angepeilte S-Bahn Richtung Zug. Auch das Umsteigen in Rotkreuz auf den Interregio mit den bequemen Sitzen klappte wie gewohnt. Doch irgendwo am Zugersee muss es dann geschehen sein: Ich begab mich zurück in den Tiefschlaf, aus dem ich eine Stunde zuvor jäh und erbarmungslos herausgerissen wurde. Welche meiner zwei bevorzugten Zug-Erholungspositionen ich einnahm – den Kopf auf die Schulter des wildfremden Sitznachbars legend oder die Stirn aufs Abteiltischchen klebend – kann ich aus heutiger Perspektive nicht mehr hundertprozentig nachvollziehen. Tendieren würde ich allerdings stark auf letztere. Denn spätestens nach einer halben Stunde hätte mich mein Sitznachbar-Kissen in Zürich im Stich gelassen, was aber nicht geschah. Vielmehr leistete mir das während meiner Studienzeit liebgewonnene, graue, unspektakuläre Abteiltischchen einen Dienst von unschätzbarem Wert: Höchst loyal wich es keinen Zentimeter von meiner Stirn, weder um halb neun in Zürich, noch um halb zehn in Luzern. Erst um halb elf weckte es mich im Hauptbahnhof Zürich ganz sanft mit einer unübersehbaren, horizontalen Brandmarkung auf der Stirn und holte mich aus dem Land der Träume. Schlaf-, sieges- und noch leicht betrunken wankte ich hoch Richtung Uni. Und malte mir bereits aus, wie wir im Viertelfinal gegen Congeli unsere Heimreise beschleunigen könnten.

An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen und mich bei euch allen, liebe Asis, Mitfahrer*innen und FCL-Fans jeglicher Couleur, herzlich bedanken für all die geilen Auswärtsfahrten, FCL-Spiele, Fussballreisen und sonstigen Momente, die ich mit euch erleben durfte! <3

PS: Der Ground in Schoddfoo fehlt mir heute noch. Definitiv ein handfester Skandal.

PPS: Die Cup-Saison 2008/2009 endete für den FCL mit dem legendären Heimspiel gegen Sion am Ostermontag auf der Allmend: https://www.youtube.com/watch?v=rZGDZG8F8Nc.

Verfasst von: Skajunge

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