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1.50 m reicht

RAGAZZI LUCERNA – Diese beiden Worte beschreiben eine unglaublich legendäre Zeit. Sie war geprägt von einem Wettkampf, wer denn jetzt der grössere Picco unter uns kleinen Männern war und endete im Kuchen der Fankurve.

Bei einem Heimspiel gegen den Rekordmäischter (gäu Rici!) ging der Stern auf. Die Fanarbeit Luzern verteilte Flyer mit der Aufschrift: Auswärtsfahrt 20.-. «Förne fucking 20er Note hed mer Reis ond Ticket gha!» . Einziger Nachteil: Tabak- und Alkoholverbot. Scheisse! Ich, damals kaum grösser als 1.50 m (also dem heutigen Mindestabstand😊), meldete mich gemeinsam mit meinen gleichgesinnten Altersgenossen für diese erste Auswärtsfahrt nach Basel an.

Beim Inseli wurden wir mit einem 18er-Büssli abgeholt und zum Joggeli gefahren. Zu dieser Zeit hatten wir alle noch verdammt kleine Eier (jedoch einige eine sehr grosse Klappe), weshalb wir uns auf dieser Jungfernfahrt wie kleine Lämmchen verhielten (okay, im Stadion nicht). Für die meisten von uns war es einer der ersten Besuche eines Auswärtsspiels im Gästeblock: Ein unglaubliches Gefühl. Mitten in der Szene Luzern 14 pubertierende Jungs, die endlich mal Action erleben möchten und es in der Folge auch werden. Ich besuchte das Spiel damals mit einer Fahne, welche bei einem Heimspiel zuvor für eine Choreografie benötigt wurde. Schon bald sollten wir mit selbstgebasteltem Fahnenmaterial und Gruppierungsschals auftauchen. Nach dem Schlusspfiff in Basel galt es zuerst die Blocksperre abzuwarten, anschliessend konnte unser Büssli nicht losfahren, weil anscheinend noch irgendwo die Basler warteten. Bei einigen schnellte schon mal der Puls in die Höhe und kaum wer konnte ruhig auf seinem Sitzen verharren (z’tod Hyperaktiv halt). Natürlich passierte wie so oft nichts. Trotzdem war es mal ein kleiner Vorbote, was alles sonst noch so auf uns zukommen könnte

Nach dem Spiel beschlossen wir, in Zukunft jeweils weiter gemeinsam an die Auswärtsspiele zu reisen und das Angebot der Ragazzi weiter zu nutzen. Es entstand eine immer engere Freundschaft und schon bald sogar eine Fangruppierung: Addicts Blue White; kurz ABW, WAS FÜR EINE TRUPPE! Okay, zu Beginn hiessen wir noch Academy Blue White – Peinlich! Nach kurzer Zeit besassen wir einen Schal, Fahnen, eine Zaunfahne und waren im Besitz eines Mitgliederausweises sowie eines Webseite. Alles was eine klassische Fanprojekts-Gruppierung halt so hat...

Zu Beginn dachten wir, wir seien die Könige Luzerns. Doch schon bald kam uns heftiger Gegenwind entgegen. Viele hatten kaum Freude, dass eine Picco-Zaunfahne hing oder dass ein 1.50 kleiner Mann in der ersten Reihe mitlief. Dies war zu jener Zeit jedoch fast schon zur Normalität geworden. Auf die erste Fahrt in Basel folgten unzählige Reisen in jenste Stadien der Schweiz. Bei einem Spiel in Vaduz besuchten wir vorgänig das Alpamare in Pfäffikon SZ und wir wurden – wer hats gedacht – von den Bademeistern verbannt. In Sion haben einige Mitglieder das erste Mal Feuerwerkskörper mitgenommen und diese aus dem fahrenden Büssli explodieren lassen.

Mit der Zeit wurde das Büssli gestrichen – entweder weil es zu teuer war oder wegen unserem Verhalten – und wir durften endlich im Extrazug mitfahren. Zu Beginn noch ganz hinten im Familienwagen, hielt es schon bald kaum einer die ganze Fahrt in diesem ruhigen, gesitteten Wagen aus. Man ging zu den Älteren und „Krässeren“ und trank von deren Bier, musste ihnen jedoch als Gegenleistung auch mal was vortanzen oder das Erlebte der Vorwoche erzählen. Es kam sogar so weit, dass Seile zum Zuge kamen und kleine Nervlinge an Stühle gefesselt wurden. Verdient! Diese Zeit hatte es in sich.

Neben all den Auswärtsfahrten gab es jedoch auch noch spezielle Events (E was? Ich kenne nur Advent!). Wir durften für wenig Geld das Spiel Eintracht Frankfurt-1. FC Köln in der Supidupi Kommerzbankarena (Kotz) schauen gehen, hatten vor einem Meisterschaftsspiel gegen GC ein „Freundschaftsspiel“ gegen deren Ragazzi-Truppe (Resultat der Redaktion bekannt), verbrachten unsere freien Mittwochnachmittage in der Zone 5 wo wir mit der Unterstützung der Fanarbeit Fahnenmaterial basteln.

Gut eineinhalb Jahre nach der ersten Auswärtsfahrt besuchten wir die Spiele gerne auch mit einigen Bieren, im Extrazug weiter vorne unter dem Decknamen Szene 6000. Dies veranlasste die Ragazzi-Verantwortlichen dazu uns auszuladen. Diejenigen die eine Lehre absolvierten, konnten sich dies sehr gut leisten, die anderen wechselten ins Litteringprojekt. So ging eine erlebnisreiche Zeit bei der Ragazzi-Lucerna zu Ende. Wir – ich denke ich kann im Namen aller Sprechen – sind unglaublich dankbar für die damals gebotenen Möglichkeiten und wären wohl nicht so geworden wie wir es heute zum Glück sind.

Verfasst von: Glaini

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