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«De TVS! De TVS!»

Stell dir vor, die Pestilenz wurde besiegt und gegen dich wird schon nach den ersten normalen Spielen ein Stadionverbot verhängt. Eine Katastrophe. Für was denn bitte soll man sich da nach dieser langen Durststrecke aufs Wochenende freuen? Was tun in der langen Zeit von Freitagabend bis Montagmorgen? Als Fussballfan bricht in diesem Moment eine Welt zusammen.

Wenn dir nun jemand erzählen würde, du könntest trotz Verbot mit guten Freunden an die Auswärtsspiele mitreisen - mit dem Zug versteht sich – als wärst du an einem ganz normalem Matchtag – das wäre dann wohl schöner als Ostern und Weihnachten zusammen. Nun ja, es gab ja da eine Zeit in den frühen 2010ern, da war ebendiese Möglichkeit real, denn in der Regel erhielten damals Ausgesperrte nur in jenem Kanton ein Rayonverbot, in welchem das Stadionverbot ausgesprochen wurde. Durch diese Regelung konnten an praktisch jedem Spiel Verbötler mitreisen. Und diese Opportunität wurde von Ausgesperrten ausgelebt, als gäbe es kein Morgen.

Ende 2012 war die Anzahl der Ausgesperrten in den Luzerner Reihen einmal mehr auf ein Rekordhoch angestiegen. Diese Gruppe Leidensgefährten war es, welche sich anlässlich eines Auswärtsspiels in Lausanne 2013 zu einer neuen Gruppe formierte. Es war dies die Geburtsstunde des Traktorenvereins Schötz, kurz des TVS.

Im Grunde genommen war für uns Ausgesperrte der breite Konsens, möglichst lange wie gewohnt den Matchtag mitzuerleben. Dabei reisten wir mit dem Zug wie alle anderen auch ans Spiel und bewegten uns nach Möglichkeit gemeinsam mit dem Mob bis zum Stadion. Vor dem Stadion trennten sich unsere Wege.

Man muss gestehen, dass ab dann unsere Auswärtsfahrten zu regelrechten Tourismus- und Gourmetausflügen mutierten, suchten wir uns doch immer eine Spunte, wo wir uns besaufen, essen und das Spiel schauen konnten. Dies war in der Regel machbar und uns wurden seitens Polizei nur selten Steine in den Weg gelegt. Aller Ironie zum Trotz betranken wir uns teils sogar im oder um das Stadion selbst, so in St. Gallen in einem Restaurant unter der Arena oder auch in Aarau, wo wir regelmässig der Stadionbeiz hinter der Haupttribüne einen Besuch abstatteten.

Spezielle Highlights aus Sicht des TVS waren sicherlich die Cupspiele. Immer wieder war es hier möglich bei den bespielten Kartoffelackern auch von aussen das Spiel in aller Ruhe zu schauen und hin und wieder ein lautstarkes «de TVS! de TVS!» zu skandieren. Spezielle Highlights hierbei waren sicherlich zum einen die legendäre Weinfahrt nach Schaffhausen, wo wir während der gesamten zweiten Halbzeit durch die Schaffhausener Kurve mit Bier und Wurst bedient wurden oder auch Murten, wo der angereiste Mob im Stadion kurzerhand entschied eine Polonaise in unsere Richtung zu starten.

Eine lustige Anekdote ist sicherlich auch ein Spiel in St. Gallen, wo die aktive Fankurve aus Protest individuell ans Spiel reiste und sich im Stadion verteilte. Zum grossen Erstaunen der St. Galler Polizei stiegen in Winkeln schlussendlich nur wenige nicht eingeweihte Luzerner, ein Fanarbeiter sowie ein gut gelaunter TVS aus dem Wagen 1 aus. Es war damals also noch möglich, auch als Ausgesperrte Luzern würdig zu vertreten.

Trotz der schwierigen Zeit hat der TVS uns Ausgesperrten von damals stets den Halt und das Gefühl gegeben, dass wir irgendwann wieder ins Stadion können. Wie es damals war, verblasst heutzutage leider zu einer nostalgischen Erinnerung. Bedauerlicherweise ist es für die Stadionverbötler von heute noch schwieriger geworden, erhält man heute doch ein generelles Rayonverbot für alle Konkordatskantone. Dieses beklemmende Gefühl des Ausgesperrtseins – das können wir heute alle nachfühlen. Wir alle haben an Weihnachten 2020 Stadionverbot.

«Gute Freunde kann niemand trennen.
Gute Freunde sind nie allein.
Weil Sie eines im Leben können.
Füreinander da zu sein!»

Verfasst von: Quattro

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