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Farben und Fäuste

«Los, auf jetzt, da kommen sie!». Adrenalin schiesst mir durch die Adern. Wir marschieren vorwärts. Es gibt kein zurück mehr. Der Gegner läuft auf uns zu. Innert Sekunden hagelt es Fäuste. Ich drücke von der hintersten Reihe die Gruppe nach vorne. 30, vielleicht 40 Sekunden und der Kampf war vorbei.

3 Stunden zuvor sass ich noch in der Schule und schrieb eine Mathematik-Klausur. Konzentrieren konnte ich mich aber kaum noch. Gelernt hatte ich für diese Prüfung auch nicht viel. Denn in den letzten Tagen war ich praktisch jeden Tag im Bastelraum. Die Choreo für das Cup-Viertelfinalspiel gegen die Grasshoppers aus Zürich musste noch fertig gestellt werden. Und wenn ich mich nicht im Bastelraum befand, war ich wie wild am Trainieren. Meine Prioritäten waren klar gesetzt. So war ich auch mit meinen Gedanken während der Prüfung bereits wo anders.

Nach Beendigung der Prüfung ging ich noch kurz nach Hause, um die Kleider zu wechseln. Dazumal hatte jeder noch seinen eigenen Kleiderstil für an die Fussballspiele. Einen Dresscode gab es noch nicht. So packte ich in meine Cargo Hose eine Sturmhaube, Lederhandschuhe, meinen Zahnschutz und den Gruppierungsschal. Diese Fan-Utensilien waren für mich bereits für jedes Spiel Sackbefehl. Doch einen Kampf hatte ich bis jetzt mit der Gruppe noch nie. Dies sollte sich aber an diesem Tag ändern.

Den Eltern wünschte ich noch einen schönen Abend. Ich nahm den Zug nach Luzern. Nach einer kurzen Fahrt traf ich mich am Bahnhof mit Jungs aus meiner Gruppe. Wir liefen zusammen zu einem Treffpunkt in der Altstadt. In zwei Bars aufgetrennt, warteten wir auf das Telefon des Gegners. Alle waren sichtlich gut gelaunt und die Motivation war riesig.

Nach gefühlten Stunden ging es dann endlich los, wir versammelten uns vor der Bar, machten noch kurz ein Mob-Foto und verliessen die Altstadt Richtung Neustadt. Der grösste Teil der Truppe, welcher aus circa 50 Hooligans und Ultras bestand, war bereits vermummt. Da ich das erste Mal dabei war, kriegte ich einen Platz in einer der hinteren Reihen zugeteilt. Alles ging nun sehr schnell.

GC hatte an diesem Wochentag einen kleineren Mob am Start als wir und so konnten sie beim Schlagabtausch nur den Kürzeren ziehen. Nach dem Fight, auf dem Weg zum Fanlokal, gab es noch kurz einige Scharmützel mit der Polizei, da diese uns für GC-Fans hielten, welche das Fanlokal angreifen wollten. Typisch Luzerner Polizei. So nahmen wir in kleineren Gruppen den direkten Weg zum Stadion.

Im Stadion angekommen, begab ich mich gleich an das zugeteilte Seil, um die Choreo hochzuziehen. Diesen Moment genoss ich nun wahrhaftig. Erfreulicherweise brillierten auch unsere Jungs auf dem Rasen und wir gewannen mit 3:0. Ein Fussballabend, welchen ich nicht schnell vergessen werde. Ich war mir sicher, dies war nicht meine letzte Choreo und nicht mein letzter Kampf.

Verfasst von: Sniper

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