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Von Ehrensponsoren und Chauffeuren der Herzen

Wer heute –zumindest vor der Fledermauspandemie - an Auswärtsfahrten unseres Lieblingsclubs denkt, hat Bilder von gut gefüllten Extrazügen und Fanmärschen über die ganze Strassenbreite vor Augen. Die Ausflüge in fremde Stadien präsentierten sich in den drei NLB-Saisons zu Beginn des neuen Jahrtausends aber ganz anders.

Das Organisieren einer Carfahrt beinhaltete damals auch den Massenversand an SMS, um das Gefährt halbwegs zu füllen und zumindest die Kosten einigermassen zu decken. Der Cousin des Bekannten eines Freundes wusste manchmal am Vorabend noch nicht, ob er die fehlenden drei Franken für die Carkosten noch irgendwo auftreiben konnte und auch das Finden eines Reiseunternehmens, bei dem die FCL-Hooligans nicht auf der schwarzen Liste standen, gestaltete sich teils etwas schwieriger, als man sich das heute vielleicht vorstellen mag. Zumindest der letzte Punkt war zu einem gewissen Grad auch etwas selbstverschuldet, schienen einige Stammgäste ein Rauchverbot im Car als zu grossen Freiheitsentzug zu verstehen, um sich zumindest die ersten 5min daran zu halten. Zudem hatten bei ‘kurvenreichen’ Fahrten nicht alle Insassen ihren Mageninhalt unter Kontrolle.

Auch wenn die FCL-Fans ihre resultatunabhängige Treue schon damals in Kurvenliedern beteuerten, war eine gewisse Korrelation zwischen der Punkteausbeute und der Anzahl Away-Supportern damals nicht von der Hand zu weisen. Die Euphorie zu Beginn der Aufstiegssaison hielt sich nach einer vermeintlich schwachen Transferperiode in Grenzen; Wer sollte denn wissen, dass man mit Pascal Bader einen künftigen Fussballgott verpflichtet hat? Ihre Erwartungshaltung präsentierten die Fans beim Saisonauftakt im Tourbillon dann auch mit einem Spruchband mit der Aufschrift ‚Danke für ein weiteres Jahr Scheisse‘ und fanden ihre Bestätigung in einer 1:0 Niederlage. Siegtorschütze war ausgerechnet Paulo Vogt, welcher auf diese Saison von der Innerschweiz ins Wallis gewechselt war.

Für wen das Herz von Dominique Giroud an diesem Abend schlug, ist nicht vollständig überliefert. Zierte doch das Logo seiner Weinhandlung ‚Giroud Vins‘ das Trikot gleich beider Mannschaften und entsprechend auch von beiden Aufsteigern dieser Saison. Doch ‚Giroud Vins‘ war weit mehr als ein normaler Hauptsponsor für den FC Luzern und seine Fans. Lauscht man Geschichten über die altehrwürdige Allmend, werden oftmals Geschichten um diverse Stüblis erzählt, welche den Eindruck erwecken, dass sich die Anhänger des FCL vor und nach den Spielen in diesen geheizten Räumen getroffen haben. Die wirklichen Zeitzeugen wissen jedoch, dass die Stüblis nichts weiter als die Vorreiter der heutigen Logen und Presidents Clubs waren. Der wahre Austausch der Anhänger sämtlicher Zonen der Allmend fand auch bei Wind und Regen an einem kleinen Giroud-Weinstand statt, an welchem genüsslich Walliser Fendant und Dôle verkostet wurden.

Monsieur Giroud präsentiert sich dort nicht nur als ausgezeichneter Gastgeber, sondern hatte auch ein Herz für die Auswärtsfahrer unter den FCL-Fans, bei welchen auf Reisen in die Romandie Weissweine als Car-Proviant stets hoch im Kurs standen. Die zu später Stunde gestellte Anfrage noch einer Spende in Form von Naturalien für eine nächste Carfahrt wurde spontan gutgeheissen; Der Wein stehe beim nächsten Heimspiel zur Abholung bereit. Die Angst, dass den Worten keine Taten folgen sollten, war unbegründet. Der Walliser Weinkönig schien zu wissen, dass nur gut benetzte Kehlen den FCL zu Auswärtssiegen schreien können und liess meinen zum Abholen des wertvollen Guts verdonnerten Vater nicht schlecht staunen, als statt der prognostizierten Kiste deren zehn zur Mitnahme bereit standen.

Die edlen Tropfen wurden bei einer Fahrt in die Westschweiz von den kritischen Gaumen der Luzerner Feinschmeckersektion verkostet und von ein paar kulinarischen Analphabeten mit Cola vergewaltigt – vielleicht der wahre Grund, weshalb dem Sittener Weinhändler später zu Unrecht das Panschen seines Weines vorgeworfen wurde . Auch wenn Herr Giroud später noch ein bisschen mit dem Gesetz in Konflikt kam – wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein – mit dieser noblen Geste sicherte er sich einen Platz in der Ruhmeshalle der Sponsoren!

Doch zurück zum Start in die Aufstiegssaison: Auf die Niederlage gegen Sion folgten eine 0:1 Schlappe zu Hause gegen Wohlen (!) und eine 4:1 Demütigung in Lausanne (ob das die Weinfahrt war?). Im darauffolgenden Derby gegen Kriens – damals hatte ein solches Duell gegen den kleinen Nachbarn noch eine gewisse Bedeutung – resultierte nur ein 2:2 Unentschieden, was sich nicht besser als eine Niederlage anfühlte.

Nicht weiter verwunderlich also, dass man für das nächste Spiel in Wil die Organisation einer Carfahrt stoppen und froh sein musste, dass man immerhin ein kleines 15er Büssli mehr als zur Hälfte füllen konnte. Nach einer musikalisch anspruchsvollen Hinfahrt und ein paar Durstlöschern in Stadionnähe sorgte Eddy N’Tiamoah mit einem Doppelpack für den ersten Saisonsieg und setzte die mitgereisten Fans in Ekstase!

Ein solcher Sieg musste natürlich gebührend gefeiert werden und liess eine sofortige Rückfahrt nicht zu! Mit dem Vorschlag, den Abend in der stadionnahen Beiz ausklingen zu lassen, rannte man beim Chauffeur des Büsslis zum Glück offene Türen ein, weil dieser schon während des Spiels Gefallen an der Serviertochter am Kaffee gefunden hatte. Nach ein paar weiteren Kaffees kam dann doch der Zeitpunkt, an dem man in Richtung Heimat aufbrechen musste.

Selbstredend, dass man eine solch lange Fahrt nicht am Stück bewältigen konnte. Problematisch allerdings, dass der Proviant bereits bei der Hinfahrt aufgebraucht wurde und auf Autobahnraststätten kein Alkohol ausgeschenkt wird. Wohl dem, der einen flexiblen Chauffeur in seinen Reihen weiss! Spontan wurde die Heimreise auf Überlandstrassen in Angriff genommen und gefühlt keine Gaststätten ausgelassen, um eine kurze Trinkpause einzulegen und auf diesen glorreichen Sieg anzustossen.

Es schien, als ob alle Insassen des Büsslis wussten, dass in dieser Saison noch viel Grossartiges passieren kann, dieser Abend aber als grosses Highlight in Erinnerung bleiben wird. Dem Spiel in Wil folgten weitere unglaubliche 29 Meisterschaftsspiele ohne Niederlage, welche mit Teamspirit und Kämpferherz erklärt wurden. So richtig ins Rollen kam der Aufstiegsexpress aber an diesem Abend in Wil, chauffiert von Erwin, dem Chauffeur der Herzen!

Verfasst von: Frizzel

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